Unser neues Zuhause


Wir zogen in ein Haus, etwa einen Kilometer vom Meer entfernt. Es liegt in einem kleinen Wohngebiet auf einer Anhöhe, was uns immer eine leichte Brise beschert. Gerade in den heißen Sommermonaten, ist das viel wert. Auch hinsichtlich Flutwellen oder sonstigen, unberechenbaren "Ereignissen", gibt mir diese Höhe ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit. Womit ich nicht sagen möchte, dass es nicht toll ist, direkt am Meer zu wohnen. Letztendlich entscheidet da wieder das Bauchgefühl. Wir haben einen großen Garten, was uns wichtig war. Hier sollte man umdenken, denn das Leben spielt sich ja, im Gegensatz zu Deutschland, überwiegend draußen ab.


Somit ist unser Haus auch nicht sehr groß, dafür haben wir uns zusätzlich ein Außenwohnzimmer und eine Dachlounge gebaut. Die Dachlounge deshalb, weil man von dort oben ein wunderschönen 180 Grad Meerblick hat. Die ersten Wochen nach unserer Ankunft waren extrem hart und ich komme nicht umhin, die letzten Wochen in Deutschland mit einfließen zu lassen. Denn die nervenaufreibenden letzten Monate dort, hatten mir sämtliche Energie geraubt und ihr solltet wissen, warum: Nachdem wir unser Haus in Deutschland verkauft hatten, hieß es ausräumen, aussortieren, packen und verpacken. Immer wenn man dachte, das Schlimmste wäre geschafft, fanden sich neue, unverhoffte Nischen und Ecken im Keller, die vollgestopft mit Dingen waren. Es hörte einfach nicht auf. Wir mussten überlegen, was in den Container sollte, was sinnvoll war mitzunehmen, und was nicht. Auch der Stauraum in einem Container ist begrenzt. Und das mein Mann ihn schon vorneweg mit dreizehn Surfbrettern und Segeln belegte, machte das Platzangebot nicht entspannter.

Als es endlich soweit war, und der Container mit großer Verspätung in unserem Dorf ankam, konnte er aufgrund der engen Gassen, nur außerhalb parken. Für uns bedeutete diese nicht unerhebliche Entfernung zum Zielobjekt, dass sämtliche Kisten und Möbel erst einmal in einen Transporter geladen werden mussten, um den Container überhaupt zu erreichen. Glücklicherweise hatten wir tolle Freunde und Familienmitglieder, die auf Abruf bereit standen, und uns dabei tatkräftig unterstützten. Der Container war relativ hoch, sodass uns unser Nachbar mit seinem Gabelstapler aushalf. So ein Ding hat man ja nicht unbedingt in seiner Garage stehen...Als endlich alles im Container verstaut war, und wir diesen nach zwei Tagen "verplomben" konnten, fühlten wir uns toll. Man denkt ja, das Wichtigste sei hiermit geschafft, alles weitere ein Kinderspiel. Was folgte, waren Wochen in einem ziemlich leeren Haus, mit Unmengen an Kram, der beseitigt werden musste. Ich bin schon oft umgezogen aber ein Haus, inklusive Dachboden und Gewölbekeller komplett leerzuräumen, ging mir wirklich an die Substanz. Im Nacken saß der Zeitdruck, wir hatten ja einen Übergabetermin. Da die neuen Hausbesitzer drei Monate eher einziehen wollten, mussten wir uns eine Ferienwohnung mieten. Das hieß am Ende noch einmal umziehen, nur mit dem Nötigsten und zwei Koffern. Da saßen wir nun in unserer Kellerwohnung im Winter, und "kämpften" für unsere Visa. Kämpfen deshalb, weil unserem Generalkonsul in Frankfurt ständig neue Anforderungen einfielen, die wir erfüllen mussten. Er schickte uns immer wieder aufs Neue für diverse Beglaubigungen und Überbeglaubigungen (und Überüberbeglaubigungen?!) durch ganz Deutschland, und das alles unter Zeitdruck, wussten wir doch, wann das Schiff mit unserem Container im Hafen ankommen würde. Und ohne Visum, keine Freigabe des Containers. Da half es auch nichts, dass unser Anwalt in der neuen Heimat die meisten Unterlagen gar nicht benötigte. Wir waren auf das Konsulat angewiesen, denn dieses entschied über unser Visum, und kein anderer. Es war etwa eine Woche her, dass unser Container auf große Fahrt ging, da kam ein Anruf der Reederei aus Rotterdam:" Wir freuen uns ihn mitteilen zu können, dass ihr Container aufgrund einer anderen Route, statt den geplanten sechs Wochen nur zehn Tage benötigen wird." Ja, da sitzt man dann und denkt, dass ist ein schlechter Witz. Schließlich muss man den Container aus dem Hafen holen, sonst kostet jeder Tag 150 Dollar. Mein Mann ist dann auch aus diesem Grund zwei Tage später in die Karibik geflogen, um sich mit einem (angeblich) vorläufigem Visum darum zu kümmern. Ich darf vorweg nehmen, dass dieses "vorläufige" Visum genau NICHTS wert war. Nur durch die Hilfe eines Bekannten, der heute unser Freund ist, und seine Vermittlung eines kompetenten Zollagenten, war diese Mission am Ende überhaupt erfolgreich. Währenddessen forderte unser Generalkonsul auf einmal unsere Bilanzen der letzten Jahre, übersetzt in spanisch, von einem vereidigten Übersetzer. Ich war kurz vor einem Nervenzusammenbruch aber dafür war keine Zeit. Schließlich mussten nicht enden wollende Behördengänge absolviert werden, die man nun mal machen muss, wenn man sich in Deutschland "Abmelden" will. Weihnachten verbrachten wir getrennt, und an Silvester, leistete ich Ella, dem Hund meiner Schwägerin und meines Schwagers Gesellschaft. Keiner aus der Familie, konnte mich dazu bewegen, dass Haus an diesem Abend für eine Party zu verlassen. Ich weiß nicht, wem es schlechter ging: Ella, mit ihren Ängsten während des Feuerwerks, oder mir, die ich nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand. Einzig die gute Versorgung und Zuwendung meiner Schwägerin und ihrer Familie hat mich in dieser Zeit "gerettet". Drei Wochen später, kam mein Mann zurück. Fix und fertig aber glücklich, den Container "befreit" zu haben. Seine Erlebnisse in Santo Domingo, sind allerdings eine eigene Geschichte wert, und sollen ein anderes Mal erzählt werden. Zweimal mussten wir unseren Abflug noch verschieben, bis wir endlich, an einem Tag in Februar, unsere Visa in den Händen hielten. Ein Tag, den wir so herbeigesehnt hatten. Den wir uns immer wieder ausgemalt hatten. Aber wir waren einfach zu fertig, als das wir noch große Freude empfinden konnten. Und trotzdem war es die Voraussetzung für unser Ticket in eine "neue Welt". Und jeder, der schon einmal ein "one way ticket" gebucht hat, weiß, wie sich das anfühlt... Jetzt wisst ihr also, wieso wir nicht gleich nach unserer Ankunft Purzelbäume schlugen, denn jetzt fing alles von vorne an...

Unser Haus musste komplett renoviert und umgebaut werden, inklusive Fußboden. Bis auf das Schlafzimmer, war ALLES Baustelle. Dazwischen stapelten sich 700 Umzugskartons, über deren Inhalt ich den Überblick schon längst verloren hatte. Bis heute kann ich keine Umzugskartons mehr sehen, erinnern Sie mich doch daran, wie ich in Deutschland jeden Gegenstand der sich in dem jeweiligen Karton befand, auflisten, wiegen und in deutsch, englisch und spanisch deklarieren musste. Ich tue mich schwer mit Chaos um mich herum, und das hier war ein Alptraum. Es war Anfang März, mir lief der Schweiß schon bei geringer Anstrengung, und ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie das im Sommer werden sollte. Irgendwie hatte ich das Klima ganz anders in Erinnerung aber solche Erkenntnisse brachten mich jetzt auch nicht weiter. Dann erwischte mich in der zweiten Woche eine heftige Grippe, sodass ich tagelang auf einer Liege im Garten lag, unfähig mich in irgendeiner Weise zu betätigen. Ich fühlte mich elend und die rege Betriebsamkeit und Euphorie meines Mannes, konnte ich vorerst nicht teilen. Wenn ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich erst einmal ankommen und mich aklimatisieren müsse, bekam ich solche einfühlsamen Antworten zu hören wie: "Was hast du denn ständig mit deinem Ankommen? Ich steige aus dem Flugzeug und bin da!" Oder: "Willst du jetzt bis zu deiner Aklimatisierung auf der Liege bleiben, oder was hast du vor?". In diesen Momenten sehnte ich mich nach meinen Freundinnen, die ganz sicher mehr Verständnis für meine Situation aufgebracht hätten, aber die waren weit weg. Mal eben so anrufen ging auch nicht, da wir über viele Wochen kein Internet hatten. Ich fühlte mich allein. Wenn mein Mann mal eben in den kleinen Baumarkt fuhr, kam er Stunden später zurück und meinte nur: "Sorry, hier dauert das alles ewig." Ich dagegen hatte während dieser Zeit die spannende Aufgabe, Maschinen und Baustoffe zu "bewachen", was mich mit der Zeit nur noch genervt hat. Unterbrochen wurde mein neuer Alltag vorerst nur mit Fahrten in kleine Läden, in denen man spannende Dinge wie Schrauben, Farbe oder Dübel kaufen konnte. Wenn ich Hunger äußerte, hieß es regelmäßig: "Wir haben doch eben erst gegessen", auch wenn die letzte Mahlzeit schon Stunden zurück lag, und auf die Frage nach einer Pause bekam ich nur ein: "Tina, man muss da jetzt einfach mal dranbleiben", zu hören. Da bekam das Thema "gewaltfreie Kommunikation" eine ganz neue Bedeutung... Es gab Momente, da wollte ich mich ins Auto setzen, und einfach nur zu meiner Freundin fahren. Blöd nur, wenn man weder ein Auto, noch eine Freundin hat...

Ja, aller Anfang ist schwer, und in meinem Fall hat es einige Zeit gedauert, ehe sich ein Gefühl des Wohlbefindens und der Zugehörigkeit eingestellt hat. Eine Auswanderung ist eine große Veränderung, bei der man selber aber auch die Partnerschaft auf die Probe gestellt wird. Wenn es dann aber trotz der neuen Herausforderungen klappt, ist es umso schöner, und das Erlebte schweißt zusammen. Man genießt die ersten Strandausflüge und Fahrten in die Umgebung umso mehr. Man freut sich über die Fortschritte, die man sowohl baulich als auch sprachlich macht.






Und ganz langsam wird einem bewusst, dass man jetzt auf einer Insel leben darf, auf der andere Urlaub machen. Und dann klappt es auch mit dem "ankommen"...











Was sich gelohnt hat mitzunehmen: Unsere eigenen Möbel, Geschirr und Bücher, denn sie haben uns gleich zu Beginn ein vertrautes Gefühl vermittelt. Werkzeug, denn gute Qualität macht sich hier bezahlt. Parkett, weil ein Parkettboden einfach überall auf der Welt toll ist. Was überflüssig war: Mein beheizbarer Wimpernformer, weil die Luftfeuchtigkeit stärker ist als er. Nur damit ihr Bescheid wisst, falls euch mal jemand die Frage stellt: "Welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?" :-)

Highheels, da sich die Umgebung nicht an deine Schuhe anpasst, sondern umgekehrt. 7 Armbanduhren, da innerhalb kürzester Zeit alle Batterien leer waren, nach dem Motto: Wenn du nicht entschleunigen willst, tun wir es für dich!!! Lederschuhe und Gürtel, da diese bei der hohen Luftfeuchtigkeit einen optimalen Nährboden für Schimmelpilze bieten, und nach kurzer Zeit auch genau so aussehen.


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